Ciao Singapur!

Singapur ist für so manche Überraschungen gut. Singapur kann mehr als Shoppen und Essen gehen. So lautet mein Fazit, was ich nach zwei Monaten in diesem Stadtstaat ziehen kann – nach sich abwechselnden Lästergedanken und Euphoriegefühlen. Ich bekomme langsam eine Ahnung, wozu Singapur imstande ist – sie offenbart sich dir nur nicht so schnell. Ich musste geduldig sein, bis ich fündig wurde, und jetzt, nach so vielen unvergesslichen Begegnungen, verlasse ich die Stadt schweren Herzens.

Das ist mein Singapur: Touren in den Botanischen Garten und in den Vogelpark mit Perry, dem Jurastudenten, der auf keinen Fall als Anwalt arbeiten möchte, stattdessen lieber Marmelade kocht und diese in Zukunft in einem eigenen Geschäft vekaufen will. Es mag lustig klingen, aber ich habe noch nie eine Person so leidenschaftlich über Marmelade sprechen hören. Perry ist ein sanfter Mensch, gläubiger Buddhist, wenn er spricht, dann tut er dies leise -von den verschiedenen Marmeladensorten, die er neulich wieder ausprobiert hat, Ananas-Zitrone, Passionsfrucht. “Alles ohne Konservierungsstoffe und Zucker”, betont er. Außerdem schreibe er zu jeder neuen Konfitüre ein Gedicht, welches er dann auf seiner Internetseite veröffentliche. Ich habe schon jetzt meine Bestellung für einen Marmeladen-Direkt-Import nach Deutschland aufgegeben.

Mein Singapur ist auch Shu Hoong: Ein gelernter Computertechniker, der nach einigen Jahren im Beruf sein dichterisches Talent entdeckte und heute als Poet und freier Filmkritiker arbeitet. Mit ihm philosophierte ich stundenlang über alternative Filme, Pressefreiheit und die Beschaffenheit einer deutschen Bratwurst. Shu Hoong nahm mich mit zum Poetry Slam, lud mich und einen Freund zum regelmäßigem Dinner und zur Pool-Entspannung ein, beschaffte mir Karten fürs deutsche Filmfestival.

Und, mein Singapur, das sind trotz SMS-Flut die vielen Inder in meinem Wohnheim. Mit Ihnen teilte ich ihr Indien-Heimweh, eine durchtanzte Nacht im “Rupee-Room” und Gerüchte über die neuesten Liebesereignisse zwischen dem Thailänder im ersten, und der Vietnamesin im vierten Stock. Rishika aus Dehradun lud mich gar zu ihrer Hochzeit ein. Zwar hätte sie weder einen Bräutigam, noch wisse sie, wann ihre Hochzeit stattfinden würde. “Aber du kommst doch, oder?”, fragte sie mich bei unserem Abschied.

Überraschenderweise ist mein Singapur auch Salsa. Nachdem ich nach zwei kubanischen Bars, in denen zwar eine Band spielte, aber sich niemand zu tanzen getraute, meine Hoffnung schon halb aufgegeben hatte, auf dem asiatischen Kontinent meiner Leidenschaft zu fröhnen, stieß ich eines Abends auf die Union-Square-Bar. Und: Halleluja! Der Club war voller tanzender Asiaten, die Band aus Kolumbien spielte gerade ein Salsalied auf Chinesisch. Ich traf in Singapur eingewanderte Latinos und den ersten Salsa-tanzeden Inder, der seine vielen Enchufla-Drehungen mit gekonnten Bollywood-Moves kombinierte.

Zu guterletzt: Wie könnte ich jemals Fruchtsaft-Lady vergessen, eine stämmige Chinesin in meinem Hawker um die Ecke, Kurzhaarschnitt, immer das gleiche cremefarbene, fleckige T-Shirt, mit der wohl lautesten Stimme zwischen Bukit Timah und Farrer Road? Fruchtsaft-Ladys Stand war der bei weitem erfolgreichste Stand im ganzen Hawker. Und ihre Inhaberin kannte jeden Besucher, teilweise sogar mit Namen. Immer wieder erntete sie neidische Blicke ihrer Fruchtsaft-Konkurrenten, die bei weitem nicht so ein geschäftliches Gespür besaßen wie sie.  Bei meinen regelmäßigen Besuchen erspähte sie mich auch dann, wenn ich eigentlich gar keinen Saft wollte und mich deshalb extra ganz weit weg von ihrem Stand hingesetzt hatte.

“What you want?”, rief sie mir dann atemlos zu.

“I’d like a mango-juice, please”, sagte ich ihr dann, ahnend, dass jeglicher Widerstand zwecklos sein würde.

“You mixed-fruit-juice?”, entgegnete sie.

“No, this time I’d like a mango-juice, please.”

“Can, can, lah. You mixed-fruit-juice.”

Die Konversation führten wir in den letzten zwei Monaten wöchentlich. Einen Mangosaft hat sie mir bis heute nicht serviert.

Morgen ist Weihnachten und ich packe meinen Reiserucksack für Thailand. Es soll nach Phuket, Bangkok, Krabi, Satun und diverse unaussprechliche Orte gehen. Ich bin gespannt und traurig zugleich. Also: Ciao, Singapur! Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder.