Lästerstunde

Heute ist Lästerstunde. Ein Freund sagte mir neulich mal: Du kannst ruhig öfter mal lästern. Das ist nicht schlimm und tut manchmal auch ganz gut. Bevor ich aber loslege, warne ich Euch vor: Heute bin ich weder tolerant, vorurteilsfrei noch angemessen ethnologisch wertfrei beobachtend. Ich spreche alles frei heraus und werte ohne Unterlass. Alle meine Lästergedanken der vergangenen Tage. Also:

Ich lästere über die Singapuris. Weil ich das Gefühl habe, dass sie alle von Geburt an in eine einzige Richtung getrimmt werden: Leistung, Geld und Effizienz. Frei nach dem Motto: Hast du Kohle, bist du wer. So versetzte einen Singapuri-Taxifahrer mein Outing, ich studiere Asienwissenschaften, in pures Entsetzen: “No good, no good”, rief er immer wieder, natürlich in makellosem Singlish. “No good study, no money. Only finance and medicine good, lah. You change study. Now.”

Lee Kuan Yew, der Gründervater Singapurs, hat zweifelsohne gute Arbeit geleistet, als er den Stadtstaat vor 45 Jahren zur wirtschaftlich führenden Metropole Südostasiens machen wollte. Heute ist in Singapur der Lebensstandard genauso gut wie in allen westlichen Industriestaaten, vielleicht sogar besser. Und dank seiner fleißigen Bewohner, denen allesamt das Wort “Konsum” auf die Stirn geschrieben zu sein scheint, hat sich das Land am schnellsten von der Wirtschaftskrise erholt. Aber wo ist der Raum fürs Menschsein, für Diskussionen über Politik, Werte und Kultur, wo bleibt hier die Luft zum Atmen?

Ich lästere über die Singapur-Chinesen. Weil sie unfreundlich, unnahbar und rücksichtslos sind. Seit meiner Ankunft habe ich Freundschaft mit zahlreichen Indern, Europäern, Amerikanern, Latinos und gar einem Kirgisen geschlossen. Aber mit keinem Chinesen, obwohl die hier in der Überzahl sind. Mit den gefühlt 500 Chinesinnen in meinem Wohnheim, mit denen ich mir zehn Duschen und einen Kühlschrank teile, habe ich noch nicht ein Wort gesprochen. Sie glucken immer zusammen, okkupieren stundenlang schnatternd die Duschen, die sie dann auch gleich mit Hilfe von Büscheln asiatischen Haars als ihr Territorium markieren.

Sie kochen haufenweise Seafood und allerlei undefinierbares Zeugs, was im Kühlschrank so vor sich hin gammelt und schütten alles nicht gegessene ins Waschbecken, wo es dann Abflussrohre verstopft und penetrante Duftstoffe ausstößt. Außerdem sprechen die Chinesen kein Wort mit den Indern. Die stinken nach Zwiebeln und Knoblauch, verriet mir ein Singapur-Chinese außerhalb des Wohnheims.

Die Chinesen reden kein Wort mit den Indern. Weil sie nach Zwiebeln und Knoblauch riechen.

Auch lästere ich über die Singapur-Inder. Die tragen nämlich in Sachen mobile, aber uneffiziente Kommunikation den Meistertitel. Immer und überall am Handy, werde ich tagtäglich überflutet mit aussagekräftigen SMS wie “Hi … Wassup?”, “Wer r u”, “U tc pls” oder, um es auf den Punkt zu bringen, “K”. Wenn ich nicht binnen Sekunden auf diese SMS antworte, hagelt es sofort mobile Vorwürfe: “U gt soo busy, no time 2 talk”.

Ich versuche immer wieder, den Indern klar zu machen, dass ich beim Entschlüsseln ihrer SMS mehr Zeit benötige als fürs Schreiben eines 20-Seiten-Essays über Totenrituale in Varanasi. Und dass ich nicht immer und überall erreichbar sein will – von wegen Privatsphäre, für sie ein Fremdwort. Mittlerweile war ich immerhin so erfolgreich, dass ich jetzt nur noch fünf statt zehn SMS täglich bekomme. Die aber alle gleichermaßen in Handy-Geheimsprache codiert sind. Ach ja: Die Singapur-Inder sprechen kein Wort mit den Singapur-Chinesen. “I hate the Chinese”, brachte es ein indischer Freund aus Kolkata auf den Punkt. Warum? “They don’t respect us and they’re ugly anyways.” Von wegen Vielvölkerstaat Singapur – viele Völker, ja, aber untereinander haben die Volksgruppen nichts miteinander zu tun.

Zu guterletzt lästere ich, und da schließe ich mich fairerweise doch mit ein, über die Singapur-Deutschen. Die sind nämlich noch deutscher als die Deutschen in Deutschland. Hängen vorwiegend im Brotzeit-Restaurant in der Raffles City Mall herum, beschweren sich über das asiatische Essen und kaufen 8 Dollar teures German Bread im Edel-Supermarkt Cold Storage. Den Deutschen hier macht die Hitze zu schaffen und sie reden seit Tagen von nichts anderem als Schnee und ihrem Rückflug nach Frankfurt, München oder Berlin an Weihnachten. Ich bin mir sicher, dass sie, in Germany angekommen, ihren Verwandten von nichts anderem als der tollen Wärme in Singapur erzählen werden. Von den Palmen, den Regenwäldern und dem Swimmingpool im Garten.

So, genug gelästert. Tat das gut! Versteht mich nicht falsch: So schlimm sind die Menschen in Singapur auch wieder nicht. Manchmal hilft eben das rhetorische Mittel der Übertreibung und ein bisschen Sarkasmus. Im nächsten Eintrag werde ich nicht mehr lästern. Versprochen.