Frau Angs Prophezeiung

Sie schaut mich konzentriert an, dann tippt sie emsig Zahlen in ihren Laptop. Zwischendurch holt sie ein paar alte, abgewetzte Bücher zur Hilfe. Sie sind auf Chinesisch. Ich sitze ihr gegenüber, zwischen uns der gläserne Schreibtisch. Der Raum ist schlicht eingerichtet, die Wände gelb gestrichen. Ein kleiner, elektrischer Brunnen tröpfelt vor sich hin und aus ein paar gläsernen Vitrinen lachen mir Buddha-Figuren entgegen. Es riecht ein bisschen nach Räucherstäbchen. Aber trotz Buddha und Räucherstäbchengeruch hat dieser Ort gar nichts Okkultes an sich!

Tiziano Terzanis Erzählungen über Melaka frisch im Kopf, streife ich kurz vorher mit einem alten Malaysier, dem ganz in der Nähe der Innenstadt ein Guesthouse gehört,  durch die engen Gassen von Chinatown. Ganz nebenbei frage ich ihn, ob er mir einen guten Wahrsager in der Stadt empfehlen kann. In Asien gehören Okkultismus, Astrologie und Wahrsagerei zum Alltag – wer sich dem ganz und gar verschließt, wird diesen Kontinent kaum verstehen!

Und wie hat Terzani, ehemals Asien-Korrespondent für den SPIEGEL, mittlerweile verstorben, so schön geschrieben? “Malakka (Melaka) ist heute die verhexteste Stadt der Welt”. Jahrhundertelang abwechselnd von Malaien, Portugiesen, Holländern und Briten regiert, hat diese Stadt direkt an der Straße von Melaka und nur 250 Kilometer nordwestlich von Singapur, eine der buntesten und auch blutigsten Geschichten Südostasiens. Frei nach Terzani sind hier die verschiedensten Völker

Melaka – eine verhexte Stadt

aufeinander getroffen, haben sich ineinander verliebt, gegeneinander gekämpft und Handel getrieben. Heute hat Melaka längst nicht mehr die wirtschaftliche Bedeutung von damals. Touristen strömen zahlreich in die Stadt, genießen die traditionelle Baba-Nonya-Küche und knipsen Fotos vom roten “Stadthuys” am Town Square.

Was geblieben ist, ist die Wahrsagerei. Der alte Malaie reagiert überhaupt nicht überrascht auf meine Frage, die aus westlicher Sicht wohl etwas merkwürdig erscheinen mag. “Klar, hier gibt es viele davon”, sagt er freundlich. Da wäre eine gewisse Frau Ang in der Nähe des Jonker Walks. “Die ist gut, ihre Familie macht das schon in der dritten Generation”. Ich hätte ihn genauso gut nach einer Zahnarztpraxis fragen können.

Frau Ang scheint um die vierzig zu sein, trägt sportliche Kleidung und hat ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Da sie nicht gut Englisch spricht, tippt sie während unserer Unterhaltung immer wieder Vokabeln in ihr I-Phone. Mein Alter, meinen Geburtstag und die genaue Zeit meiner Geburt will sie wissen. Plötzlich bin ich ganz aufgeregt – was sie mir wohl gleich erzählen wird? Hoffentlich mehr gutes als schlechtes. Vor ein paar Minuten noch kritisch-belustigt und die ganze Sache nicht so ernst nehmend, bin ich jetzt nervös wie ein kleines Kind, welches etwas ausgefressen hat und nun auf die Reaktion seiner Mutter wartet.

Eine dreiviertel Stunde später weiß ich alles. Dass ich nach chinesischer Zeitrechnung 23 Jahre alt bin und nicht 22, dass mein Sternzeichen deshalb das Kaninchen ist und nicht der Drachen. Dass ich mit 27 heiraten soll und keinen Monat früher, wegen meines hitzigen Temperaments. Dass ich drei Kinder bekommen und mit allem, was ich tue, Erfolg haben werde, wenn ich nur regelmäßig zu meinem Gott bete. Ich weiß jetzt, dass Journalismus kein guter Beruf für mich ist, weil mich dann zu viele, neidische Menschen ausnutzen und hin- und herschubsen würden. Nein, bloß kein Journalismus, ich sollte lieber in der Bank arbeiten oder ein Café aufmachen (Ein Glück, dass ich bei letzterem schon Erfahrungen gesammelt habe).

In meinem letzten Leben war ich sehr arm und habe vor lauter Not das Schwein der Nachbarn gestohlen. Darüber waren meine Eltern so traurig, dass ich mir aus Verzweiflung und Scham das Leben genommen habe. Für mein jetziges Leben bedeute das, so Frau Ang, dass ich meinen Eltern “etwas schulde”. Was genau? Das konnte sie nicht sagen.

Was erwartet mich in den nächsten Jahren?

Darüber hinaus erwarten mich viel Arbeit und Anstrengung im nächsten Jahr und eventuelle Gefahren, wenn ich auf Reisen gehe. Auch hier sollte ich wieder regelmäßig zu meinem Gott beten. Dann würde mir schon nichts passieren. Mit 45 oder 46 Jahren müsste ich besonders auf meine Gesundheit achten, da dann die Wahrscheinlichkeit groß sei, in der Rücken- oder Bauchgegend zu erkranken. Überhaupt sei ich an diesen beiden Stellen hyper sensibel (woher sie das nur weiß … langsam wird’s mir gruselig).

Als mir keine Fragen mehr zu meinem Schicksal einfallen, bedanke ich mich artig und bezahle meine 95 Ringgit – ungefähr 20 Euro, eine stolze Summe für malayische Verhältnisse. Irgendwie verwirrt, aber auch sehr zufrieden verlasse ich die Wahrsager-Praxis und streife durch die geschäftigen Straßen Melakas. Ich bin mir sicher, dass Frau Ang in vielem, was sie mir prophezeite, falsch liegen wird. Aber in manchen Dingen hatte sie auch Recht. Ob sie nun “sehen” konnte oder nicht – sie hat mich dazu gebracht, ein bisschen mehr über mich selbst nachzudenken.