„Cute Fish Spa“ und tote Ratten

Wie sehr man sich doch an die Ordnung, die Sauberkeit, die Sterilitaet Singapurs gewoehnen kann. Als ich nach sechsstuendiger Busfahrt aus dem klimatisierten Reisebus aussteige, trifft mich fast der Schlag: Es stinkt. Es stinkt bestialisch, nach in Hitze vor sich hinrottenden Lebensmitteln, nach Gullis, die Faekalgeruch ausruelpsen und nach Fisch, der ein bisschen zu lange in der Sonne gelegen hat.

Ich stolpere aus dem Bus, Menschen vor und hinter mir, fast trete ich auf eine tote Ratte, die beim Strassenuebergang in der Gosse liegt. Gleich hundert Meter weiter schnueffeln ihre  – diesmal noch  lebende – Artgenossen im Muell herum,  daneben wird nord- und suedindisches Essen auf Papptellern serviert. Um Gottes Willen, wo bin ich hier gelandet? In Kuala Lumpur, hierzulande nur noch “KL” genannt. Hauptstadt Malaysias, 400 Kilometer noerdlich von Singapur: und doch eine voellig andere Welt. Eine stinkende Welt.

Wie schnell sich doch die Nase an einen neuen Geruch gewoehnen kann! Und die Augen an all den Dreck, all die Unordnung! Mit staunenden Augen schlendere ich durch die bunten Strassen, zunaechst in der Jalan Bukit Bintang, dann in Chinatown. Die Buergersteige sind uebersaeht mit Blueten und Blaettern der Baeume am Strassenrand. Keiner hebt sie auf oder kehrt sie zusammen.

Im chinesischen Viertel weht mir zum ersten Mal seit meiner Ankunft ein Duft entgegen,von dem ich glaube, dass er “typisch asiatisch” ist: er ist suess und oelig, verhalten penetrant und doch so interessant, dass ich stehenbleiben und ihn nochmals einatmen muss. Strassenkoeche stehen an ihren Verkaufsstaenden, ruehren emsig in dampfenden Toepfen und Woks, preisen im Vorbeigehen ihre Gerichte und Getraenke an: Haianese Chicken Rice, Seafood, Ananas und Drachenfruechte.

Und auch scheinen die Menschen hier anders gepolt zu sein als viele Singapurer: Alle laecheln sie und gruessen freundlich, schauen mich an, nicht durch mich hindurch. Kaum bleibe ich stehen und schlage die Karte auf, ist auch schon jemand zur Stelle und behauptet, der beste Guide Kuala Lumpurs zu sein.

Auch gibt es die ein oder andere Obskuritaet zu bestaunen: So traute ich meinen Augen kaum, als ich an einem “Cute Fish Spa” vorbeikam, in dem gleichermassen Touris und Malaysier auf Baenken rund um ein whirlpool-artiges Gefaess sassen und sich von kleinen, silbernen Fischen die Fuesse “massieren” liessen. Diese “Kur” sorgt angeblich fuer eine gute Durchblutung der Fuesse und befreit von abgestorbenen Hautzellen. Fast haette ich die Fische auch an meine Fuesse gelassen. Habe mich aber (noch) nicht getraut.

ich nicht sagen, welche der beiden Staedte mir besser gefaellt – ich fuehle mich wie ein Marsmensch von ganz weit weg, der alles aus der Distanz beobachtet, aber doch nicht Teil seiner neuen Umgebung werden kann. In diesem Moment bin ich ueberzeugt, dass Kuala Lumpur echt ist und Singapur kuenstlich. Wie wird es sein, wenn ich in zwei Tagen wieder zurueck in Singapur bin? Wahrscheinlich werde ich tief durchatmen und all die Ordnung wertschaetzen, absichtlich mit geschlossenen Augen ueber die Strasse gehen und mich freuen, dass ich n i c h t in eine tote Ratte trete. Noch aber erfreue ich mich am “echten” Kuala Lumpur. Ich bleibe wohl einen Tag laenger hier als geplant.