Zensur schafft Harmonie

Neulich beim Geburtstag einer Freundin aus England. Es gibt chinesische Fischklöße und Nudeln mit Gemüse, Weißwein und frischen Mangosaft. Die Gäste sind international, kommen aus Singapur, China, England und Deutschland. Der Himmel draußen ist bewölkt, die Klimaanlage knistert und spuckt kalte Luft in den Raum.

Trotz der chinesischen Fischklöße fühlt sich alles irgendwie “westlich” an. Fast vergesse ich, dass ich hier mitten in den Tropen bin.

Das Gespräch dreht sich um Arbeit und Zukunft, dann um Journalismus, schnell um Presse- und Meinungsfreiheit. Ein Gast entpuppt sich als Reporterin für eine Singapurer-Tageszeitung. Ob sie alles schreiben könne, was sie wollte? Nein, natürlich nicht.

Was sie von Zensur halte? “Das finde ich, vor allem bei politischen Themen, total in Ordnung.” Gefragt nach dem warum entgegnet sie, dass Singapur ein Vielvölker-Stadtstaat sei. Es sei wichtig für das Land, dass die verschiedenen ethnischen Gruppen friedlich zusammen leben und nicht durch kritische Berichterstattung gegeneinander aufgehetzt werden. “Zensur sorgt für Harmonie”, sagt sie. Ihre Stimme klingt fest und überzeugt.

Auf den Kopf gestellt ist “westliches” Freiheitsdenken, jegliche Art von “westlicher” Logik. Bisher hatte ich geglaubt, dass sich Menschen in Ländern ohne Presse- und Meinungsfreiheit unterdrückt fühlen und gegen diese ihnen wiederfahrende Ungerechtigkeit aufbegehren. Jetzt, nach dem Gespräch mit der Singapurer Journalistin, merke ich, dass man sich damit auch arrangieren, ja, es sogar gut finden kann.

Aus Neugier frage ich einen anderen Journalisten nach seiner Meinung. Er arbeitet ebenfalls für eine örtliche Tageszeitung, schreibt über Kulturelles, nennt sich selbst einen Dichter. Zensur findet er zwar falsch, aber gegen sie aufbegehren möchte er trotzdem nicht: “Ich interessiere mich gar nicht für Politik”, sagt er.

Später blättere ich im Internet durch alte Artikel, es geht um diverse Politiker imVerwaltungsrat eines deutschen Fernsehsenders, einen gefeuerten Chefredakteur und dortige Personalentscheidungen, die abhängig vom Votum der Politik sind. So lupenrein scheint die vielfach gepriesene Medienunabhängigkeit im Okzident wohl auch nicht zu sein.