Schlangen im Einmachglas

Singapur: sauber, steril, künstlich. Singapur: bunt, multikulti und auch ein bisschen chaotisch.Die ersten Eindrücke, die ich hier seit knapp einer Woche sammle, ändern sich von Tag zu Tag und machen zusammen genommen irgendwie keinen Sinn.

Noch ist alles zu neu, zu laut, zu schrill, zu niederprasselnd, als dass ich es kurz und prägnant beschreiben könnte. Da sind diese vielen Menschen auf dem Straßen: Chinesen, Malaien, Inder, Europäer, Afrikaner, Australier. Außerhalb der klimatisierten Betongebäude fächeln sie sich angesichts feucht-tropischen 30 Grad mit Zeitungen und Prospekten Luft zu, während den Touristen das T-Shirt schweißnass am Oberkörper klebt. Drinnen, sei es im Coffeeshop oder in den gefühlt tausend Shoppingmalls, gefriert die Klimaanlage fast den soeben bestellten Guavensaft und es tönt “Have yourself a merry little Christmas” aus den Lautsprechern.

Ich weiß noch nicht, was ich von Singapur halten soll. Die Chinesen und Inder in meinem Wohnheim, nahe der Bukit Timah Road oberhalb des Botanischen Gartens, sind allesamt nett, bleiben jedoch lieber unter sich. Draußen aber treffe ich unheimlich viele spannende Leute: Den Chinesen an der Bushaltestelle zum Beispiel, der mir ein altes Volklied aus seiner Heimat vorsingt und hinterher verkündet: “Ich mag Singapur, aber ich hasse die Singapurer!” Oder die fünf Phillipinos im Restaurant, die, nach meinem kleinen Vortrag, unbedingt nach Deutschland kommen wollen und mir sofort die besten Strände ihrer Heimat verraten.Und erwähnte ich bereits den ausgewanderten Österreicher, der inmitten von Chinatown, zwischen Frühlingsrollen und toten Schlangen in Einmachgläsern Bratwurst mit Graubrot verkauft?

Singapur ist sauber, so wie es im Reiseführer steht. Aber Singapur ist auch dreckig, chaotisch, überraschend: Zum Beispiel, wenn mehrere tausend Tamilen in Little India Divali feiern, das Lichterfest. Umgeben von bunten Saris, dem mir aus Indien vertrauten, schwer-würzigen Duft und rhytmischer Tabla-Musik kann ich gar nicht glauben, dass dies eben auch Singapur ist. In Singapur sind alle verrückt nach Shopping, aber es gibt auch Kultur: Im Blue Jazz Club zum Beispiel, in dem beim Poetry Slam über Pressefreiheit und Polizeistaat diskutiert wird und eine Studentin ihre Heimat Indonesien derart bedichtet, als sei es das Paradies auf Erden.

Noch brauche ich Zeit zum Durchatmen. Ich habe noch nicht realisiert, wozu Singapur imstande ist.